Für diese Handschrift sind folgende Beschreibungen vorhanden

  • Dario Binotto, Dörthe Führer, Pauline Jacsont, Mikkel Mangold, Laura Glöckler, Joana Keller, Rudolf Gamper, Katalog der mittelalterlichen Handschriften der Kantonsbibliothek Thurgau, Basel, 2025, S. 50-53.
    (Standardbeschreibung, momentan angezeigt)
  • Beschreibung von Dr. Regina Abegg und Maria Solovey, Herbst 2019.
    Zusätzliche Beschreibung anzeigen
Frauenfeld, Kantonsbibliothek Thurgau, ALT MSC 3

Dario Binotto, Dörthe Führer, Pauline Jacsont, Mikkel Mangold, Laura Glöckler, Joana Keller, Rudolf Gamper, Katalog der mittelalterlichen Handschriften der Kantonsbibliothek Thurgau, Basel, 2025, S. 50-53.

Mit freundlicher Genehmigung des Verlags (Schwabe Verlag, Basel, Berlin). Das Copyright an der Handschriftenbeschreibung liegt beim Verlag.
Handschriftentitel: Processionale
Frühere Signatur: T 1588
Beschreibstoff: Pergament und Papier
Umfang: 120 Blätter
Format: 18 x 12 cm
Seitennummerierung: Neuere Foliierung: I–II, 1–114.
Lagenstruktur: 4 IV32 + III38 + (IV-3)43 + 2 IV59 + (III-3)62 + IV70 + (IV-3)75 + (IV-2)81 + 3 IV105 + V114. Jeweils drei Bl. entfernt nach Bl. 38, Bl. 59, Bl. 70, sowie zwei nach Bl. 81 (stets ohne Textverlust), Reste sichtbar. Reklamanten von einer Hand des 16. Jhs. auf Bl. 16, 24, 32.
Zustand: Bl. 50 Pergamentloch, auf Bl. 14 und 21 Nähte (Nadellöcher erhalten); Bl. 57f. am unteren Rand beschnitten; Bl. 106 obere Ecke der Seite abgerissen (ohne Textverlust); Feuchtigkeitsflecken auf Bl. 9092; Bl. 104 Tintenfrass.
Einband: Mit braunem Leder bezogene, oben und unten mittig abgeschrägte Holzdeckel, um 1600. Mehrmals restauriert, zuletzt 2019 durch Agatha Ebneter (Steckborn), Protokoll liegt vor. Streicheisenlinien, ein Rollenstempel (Herzblattpalmetten), drei Einzelstempel (mit Staude mit Rosette; vorne in der Mitte Christusmonogramm in ovalem Strahlenkranz, gleicher Typ wie EBDB p002422; hinten Madonna mit Kind in ovalem Strahlenkranz), Goldspuren erkennbar. Auf Vorder- und Rückdeckel je vier ziselierte Eckbeschläge. Zwei nach vorne greifende ziselierte Kantenschliessen mit Lederriemen und Messingbeschlägen, teils neu (vgl. Protokoll). Rücken mit Streicheisenlinien, Stempel mit Gold (Spuren erkennbar), Gelenke neu (mehrmals restauriert). Oben blau-weiss geflochtene Kapitale, vermutlich neu (so Ebneter).
Vorsatzblätter Papier, Wasserzeichen: Wappen, identisch mit Bl. 83114 (siehe ‹Lagen›); vorne ein Ternio (Bl. [A]–[C], IIII), hinten ein Quinio (Bl. 106114 plus Spiegelblatt); [A]–[C] ursprünglich unter dem Spiegelblatt (vgl. Protokoll), Nachtrag von Hand des 17./18. Jhs. (CAO 3732). Spiegelblätter Papier, vorne mit radiertem Schriftzug des 17./18. Jhs. über zwei Zeilen, lediglich noch Anfang und Ende lesbar: Soror[es] [...]ingen (ehem. Besitzeintrag?). Auf dem Vordeckel blau gerahmtes Signaturschild des Historischen Museums Thurgau mit alter Signatur: 1588 (siehe ‹Besitzer›).
Zusatzmaterial: Rote Ledersignakel auf Bl. 39, 49, 52, 57, 71, 77.
Provenienz der Handschrift: Die Hs. wurde vermutlich bei der Säkularisierung des Klosters St. Katharinental im Jahr 1869 verkauft.
Erwerb der Handschrift: Im Jahr 1912 erwarb die Historische Gesellschaft des Kantons Thurgau das Processionale von der Galerie Helbling in München für 500 Reichsmark (vgl. Lötscher, S. 83). Daraufhin unter der Signatur T 1588 im Historischen Museum Thurgau, bis sie 2018 in die Kantonsbibliothek Thurgau überführt wurde.
Bibliographie:
  • Alois Lötscher, Das Processionale von St. Katharinental (Thurgauische Beiträge zur vaterländischen Geschichte 52), Frauenfeld 1912, S. 82–86;
  • Bruckner, Scriptoria 10, S. 70;
  • Albert Knoepfli, Die Kunstdenkmäler des Kantons Thurgau, Bd. 4: Das Kloster St. Katharinental, Basel 1989, S. 182–184;
  • Buchmalerei im Bodenseeraum 13. bis 16. Jahrhundert, hrsg. v. Eva Moser, Friedrichshafen 1997, S. 315f.;
  • Michel Huglo, Les manuscrits du processional, Bd. 1: Autriche à Espagne, München 1999, S. 104–105;
  • Regine Abegg, «Wenn ain schwöster im chloster stirbt...» − Begräbnisriten im Kloster Münsterlingen, in: Zwischen Thurgauerkrieg und Ittinger Sturm. Umbruch am Bodensee. Vom Konstanzer Konzil zur Reformation (Der Thurgau im späten Mittelalter, Bd. 3/4) hrsg. v. Silvia Volkart, Zürich 2018, S. 272−277.
  • Beschreibung für e-codices von Regine Abegg und Maria Solovey, 2019.
Kodikologische Einheit: Teil I Bl. 1-81
Entstehungsort: Südlicher Bodenseeraum
Entstehungszeit: 3. Ende 15. Jh.
Beschreibstoff: Pergament
Seiteneinrichtung: Begrenzung der Spalten teils in schwarzer, teils in roter Tinte, Punktierungen meist erhalten. Schriftraum 13,5–14,5 × 8–8,5, 5 Zeilen mit Notenschema.
Schrift und Hände: Textualis von einer Hand des 15. Jhs.
Musiknotationen: Quadratnotation auf vier roten Linien mit Custos und schwarzen Taktstrichen.
Buchschmuck:
  • Rote Strichelung, rote Überschriften. Strophenanfänge mit einzeiligen rubrizierten Kadellen und ein- bis zweizeiligen roten und blauen Lombarden, teils mit Punktverdickungen, Schaftaussparungen, Konturbegleitstrichen und einfachen Ornamenten (z. B. Bl. 23r, 58v).
  • Historisierte Initialen, dreizeilig, Rahmen und Buchstabenkörper Silber, Grund des Feldes entweder weinrot, grün, rot oder blau, Szenen mit Weiss, Gelb, Rot, Blau, Grün, Weinrot und Rosa.
    • Bl. 1r, Initiale P, Einzug Christi in Jerusalem, unten rechts Wappenschild der Familie Welter (weisser Bock auf schwarzem Grund, siehe ‹Herkunft›), auf purpurfarbenem Grund mit weiss und schwarz konturierten Palmetten;
    • Bl. 39r, Initiale D, Letztes Abendmahl mit Fusswaschung, auf grünem Grund mit weiss und schwarz konturierten Palmetten;
    • Bl. 49r, Initiale P, Kreuzigung Christi, auf purpurfarbenem Grund mit weiss und schwarz konturierten Palmetten;
    • Bl. 52r, Initiale U, Christi Himmelfahrt, auf rotem Grund mit gelb und schwarz konturierten Palmetten;
    • Bl. 56v, Initiale H, Ostensorium auf Altar, oben rechts Wappenschild der Familie Bonstetten (drei silberne Trapeze auf schwarzem Grund, siehe ‹Herkunft›), weiss und schwarz konturierte Palmetten;
    • Bl. 71v, Initiale L, Darbringung im Tempel, auf blauem Grund mit gelben Sternen;
    • Bl. 77r, Initiale F, Dormitio und darüber Mariä Himmelfahrt, auf blauem Grund mit hellblauem Quadratmuster.
Spätere Ergänzungen: Selten Korrekturen von der Hand des Schreibers von Teil 1, z. B. Bl. 47v, 54r (Rasur), 76v, 81r. Wohl von anderer Hand des 17./18. Jhs. Bl. Ir Nachtrag mit Quadratnotation auf vier schwarzen Linien (CAO 5328).
Inhaltsangabe:
  • Ir Nachtrag
  • Iv-IIv leer ausser einer alten Signatur auf Bl. IIv: GON 9756 (S’NN).
  • 1r-81v Processionale. Pueri Hebreorum tollentes ramos olivarum obviaverunt domino …–… Qui tecum vivit et regnat. Per omnia secula seculorum. Amen.
    1r Palmsonntag (mit 1r CAO 4415, 7r CAO 8310, 9v CO 3953), 38v Gründonnerstag, Ad mandatum, 49r Karfreitag (mit 49v RH 7660), 52r Auffahrt (mit 56r CO 1165), 56r Corpus Christi (mit 60v CAO 6240), 61v Agatha, 63r Dominikus (mit 66v CO 1559), 67r RH 4103 und 69r AH 25 Nr. 85, 71v Purificatio BMV (mit 71v CAO 3645, 76v CO 2443), 76v Assumptio BMV (mit 81r CO 6060).
Entstehung der Handschrift: Malstil, Schrift, Seitenlayout und gar die Signakel sind identisch mit dem Processionale Zürich, Schweizerisches Landesmuseum, LM 2799 (1487), wobei die Illuminationen dem Umfeld der in Konstanz tätigen Malerfamilie Murer zugeschrieben werden (vgl. Abegg, S. 272). Die Hs. der Kantonsbibliothek dürfte etwa zur gleichen Zeit, im letzten Viertel des 15. Jhs., entstanden sein. Eine Lokalisierung im südlichen Bodenseeraum ergibt sich aus den Wappen der Familie Welter von Blidegg auf Bl. 1r (vgl. Hans Richard von Fels und Alfred Schmid, Wappenbuch der Stadt St. Gallen, Rorschach, 1952, Taf. III) und der Familie Bonstetten auf Bl. 56v (vgl. Albert Bodmer, Das Wappenbuch von St. Gallen und seine Beziehungen zur Schweiz, in: Schweizerisches Archiv für Heraldik, Bd. 55, Heft 3/4 [1941], Taf. VI), welche wohl auf die eheliche Verbindung von Ulrich Welter und Verena von Bonstetten zurückzuführen sind. Da die Eheleute bis zur Mitte des Jhs. gemeinsam belegt sind (vgl. e-HLS, dürfte der/die Auftraggeber/in aus der folgenden Generation stammen. Die eben erwähnte Hs. aus dem Landesmuseum wie auch diese Hs. (siehe unten) sind in der ersten Hälfte des 16. Jhs. beide im Besitz von Frauenklöstern, was an eine Tochter aus besagter Ehe denken lässt. Ursula und Elsbeth Welter sind als Klosterfrauen in Töss belegt (vgl. Ernst Baumeler, Die Herren von Bonstetten: Geschichte eines Zürcher Hochadelsgeschlechts im Spätmittelalter, Zürich 2010, S. 150). Aus den liturgischen Anweisungen des Prozessionales lässt sich erschliessen, dass es für einen bestimmten Ort angefertigt wurde (z. B. 18r, 21r), namentlich für ein dominikanisches Kloster (63r Prozession für den Hl. Dominikus), dessen Kirche zwischen Kreuzgang (21r) und einem Hang (24r) lag und dessen Altäre u. a. dem Heiligen Nikolaus (28r) und der Heiligen Katharina (32r) geweiht waren. Da all dies sowohl auf die Klosterfrauen von Töss als auch auf St. Katharinental zutrifft (siehe unten), kann die ursprüngliche Herkunft der Hs. nicht mit Sicherheit bestimmt werden. Die Nähe zur Hs. Zürich, Landesmuseum, LM 2799 (Teil 1 vermutlich aus der Werkstatt der Malerfamilie Murer, Teil 2 mit dem auf Bl. 91v verzeichneten Officium Defunctorum, das Ähnlichkeiten mit den Nachträgen von 1553 im LM 2799 aufweist) deutet auf Münsterlingen als möglichen Entstehungs- oder Durchgangsort hin. Diese Annahme wird durch die teils verblichene Inschrift auf dem vorderen Spiegelblatt gestützt (siehe ‹Einband›). Ein Zusammenhang mit der Familie Welter ergibt sich durch Katharina Welter, Klosterfrau in Münsterlingen bis 1529, jedoch ohne nachweisbare Verbindung zur Familie von Bonstetten.
Kodikologische Einheit: Teil II Bl. 82-114
Entstehungsort: St. Katharinental
Entstehungszeit: ca. 1606
Beschreibstoff: Papier. Wasserzeichen: Bl. 83114 zwei Türme, ähnlich Piccard, Wasserzeichenkartei Nr. 102389 (1604) und Wappen, gleicher Typ wie WZIS DE8100-CodTheol2262_999 (1606/1607).
Seiteneinrichtung: Begrenzung der Spalten mit roter Tinte oder Stift, Schriftraum 12,5–15 × 8–9, mit Notation 5–6 Zeilen, in Textteilen 21–28 Zeilen.
Schrift und Hände: Fraktur, um 1600.
Musiknotationen: Quadratnotation auf vier roten Linien, teils mit Custos und schwarzen Taktstrichen.
Buchschmuck: Rote Überschriften. 1- bis 2zeilige rubrizierte Kadellen sowie rote, selten blaue, Lombarden, gelegentlich mit Punktverdickungen und Schaftaussparungen.
Spätere Ergänzungen:
  • Korrekturen von der Hand des Schreibers von Teil 2, z. B. Bl. 91v, 92r, 104v, 105v.
  • Bl. 69r71r Nachtrag von einer Hand des 17./18. Jhs. mit Quadratnotation auf vier schwarzen Linien, De sancta Katharina (AH 45 Nr. 1005), Bl. 71r auf Rasur; von derselben Hand auch der Nachtrag auf den vorderen Vorsatzblättern (siehe ‹Einband›).
Hauptsprache: Latein und Deutsch
Inhaltsangabe:
  • 82r-91r Processionale. Prozessionen, sog. ‹Kreuzgänge›. >Der cruzgang der frowen (Erste Zeile beschnitten) Rosarii< Exultabimus in te o pulcherima mulierum, suavis et decora in deliciis paradisi …–… 90v Er ist patron in disem haus des sagent wir im lob und ehre. >Mit dem placebo uff dem kirchoff< Prozessionen durch den Kreuzgang an besonderen Festen: 82r Rosenkranzfest (86r mit Litania de BMV), 88r Ursula (mit 90v CAO 1387, 88v CO 3929b), 89r Katharina (mit 90r CO 1521), 89v Barbara (mit 90r CO 3164), Barbara von Payer und Ursula von Minckh (?), 89v Nikolaus (mit 89v CO 1463 und 90v deutscher Gesang auf St. Nikolaus).
  • 91r-91v Notiz zu Jahrzeitmessen. >Volgent die vier jarzeiten< Das erst vatter und muotter gefalt zů der liechtmes …–… Deus in cuius und fidelium. Notiz über die vier an festen Terminen zu haltenden Jahrzeiten für bestimmte Verstorbene.
  • 91v-104v Officium defunctorum. Lateinisch, mit ausführlichen deutschen liturgischen Anweisungen für Begräbnismesse und Begräbnis auf dem Friedhof. Item wen ain schwester im kloster stirbt93v Omnipotens sempiterne deus qui humano corpori animam 94r Dixi vulneris novitate percussi et quondam sauciati 95v Subvenite sancti dei (CAO 7716) 96v Deus cui omnia vivunt et cui non moriendo corpora 97v Fac quesumus domine hanc cum ancilla tua defuncta 102r Satisfaciat tibi domine deus noster pro anima Deus cuius miseratione animae fidelium requiescunt 103r >Darnach so spricht man i pater noster und also endet sich das ampt der begrebnus< Mentem. Salvator. Laudemus. 1.6.00.6.
  • 104v-105v Prozession zu Fronleichnam. Deutscher Ordo zur Fronleichnamsprozession. Item es ist zů wissen das man den kreützgang an unsers herren fronleichnams tag sol beghon
    • (105r) >Deus qui nobis sub< Item an unsers herren fronlichnams octaff …–… und der priester die collect deus qui nobis.
  • 106r-114v leer.
Entstehung der Handschrift: Auf Bl. 104v findet sich die Jahresangabe 1606, was mit der Datierung der Wasserzeichen übereinstimmt. Dieser zweite Teil wurde im Dominikanerinnenkloster St. Katharinental geschrieben: Auf Bl. 89v Fürbitten für Barbara von Payer, ab 1541 ebendort Subpriorin, von 1550 bis 1551 Priorin, verstorben 1564 (Helvetia sacra, Bd. IV/5, S. 780). Bl. 89r und 90r Prozessionen für die Patrone des Klosters St. Katharinental (Katharina von Alexandrien und Nikolaus von Myra, vgl. Helvetia sacra, Bd. IV/5, S. 780). Bl. 91r Jahrzeitmessen für Habsburger im Allgemeinen und eine Herzogin von Österreich im Besonderen: Das Kloster St. Katharinental (wie auch Töss) stand unter dem Schutz der Habsburger (Helvetia sacra, Bd. IV/5, S. 788). Es bestanden zahlreiche Verbindungen zwischen den Klöstern Töss und Katharinental (vgl. Helvetia sacra, Bd. IV/5, S. 786).