Cologny, Fondation Martin Bodmer, Bodmer 542
Handschriftentitel: [Auszüge aus dem Koran und aus einem Gebet]
Entstehungszeit: 2. Hälfte 15. Jh./Anfang 16. Jh.
Beschreibstoff: Beim Beschreibstoff handelt es sich um feines Papier, das auf dünnen grünen Stoff, wohl Seide, aufgezogen ist.
Umfang:
Rolle
Format: 12.3 x 969.9 cm
Seitennummerierung: Die Rolle wurde 2014 vom Ende (Aufnahme 1) in Richtung Anfang (Aufnahme 59) digitalisiert. Die Stellenangaben der in der Bibliographie angeführten Publikationen verweisen auf diese alte Numerierung vom Ende her. Im Rahmen der Veröffentlichung auf e-codices wurden die Digitalisate umnumeriert. Die Aufnahmen beginnen jetzt am Anfang (Aufnahme 1) und enden am Schluss der Rolle (Aufnahme 59). Beachte folgende Gegenüberstellung Neu/Alt:
1/59 – 2/58 – 3/57 – 4/56 – 5/55 – 6/54 – 7/53 – 8/52 – 9/51 – 10/50
11/49 – 12/48 – 13/47 – 14/46 – 15/45 – 16/44 – 17/43 – 18/42 – 19/ 41 – 20/40
21/39 – 22/38 – 23/37 – 24/36 – 25/35 – 26/34 – 27/33 – 28/32 – 29/31 – 30/30
31/29 – 32/28 – 33/27 – 34/26 – 35/25 – 36/24 – 37/23 – 38/22 – 39/21 – 40/20
41/19 – 42/18 – 43/17 – 44/16 – 45/15 – 46/14 – 47/13 – 48/12 – 49/11 – 50/10
51/9 – 52/8 –53/7 – 54/6 – 55/5 – 56/4 – 57/3 – 58/2 – 59/1
Lagenstruktur:
Die Rolle besteht aus 19 zusammengeklebten Papierstreifen (Abmessungen: 1. 7.6 cm; 2. 56.6 cm; 3. 57.0 cm; 4. 57.3cm; 5. 57.8 cm; 6. 57.8cm; 7. 55.2 cm; 8. 55.3 cm; 9. 54.6 cm; 10. 55.5 cm; 11. 56.4 cm; 12. 54.5 cm; 13. 49.8 cm; 14. 48.5 cm; 15. 49.5 cm; 16. 50.5 cm; 17. 51.2 cm; 18. 49.0 cm; 19. 45.5 cm; Angaben gemäss F. Darbre, Fondation M. Bodmer). Am Anfang schützt ein dünnes, dunkelbraunes Stück Leder (Länge 3.7 cm) das Dokument gegen aussen. Die Rolle ist auf ein Holzstäbchen (Durchmesser ca. 0.4 cm) aufgewickelt. An den beiden Enden des Stäbchens sind zwei runde schwarze Plättchen (Durchmesser ca. 3 cm) derart angebracht, dass eine Spindel entsteht.
Spätere Ergänzungen: Die zeitliche Einordnung der Rolle ergibt sich aus den stilistischen Vergleichen, die am Anfang des Abschnitts „Contents“ angestellt werden. Sie wird durch zwei von unterschiedlicher Hand notierte Einträge in der ersten rechteckigen Kartusche auf CB 542 gestützt, die Angaben zu einem Besitzerwechsel enthalten (f. 2). Sie sind offensichtlich nachträglich angebracht worden. Der erste Vermerk ist in ungelenkem Nasḫ mit goldener Tinte ausgeführt worden; er ist gut leserlich und lautet Tārīḫ-i Sulṭān Sulaymān sana 957. Ein Eintrag von einer andern Hand mit teilweise identischen Informationen lässt sich im Innern der Kartusche erkennen, steht hier aber auf dem Kopf. Klar lesbar ist Sana 957 Sulṭān Sulaymān. Zwei Wörter am Schluss liessen sich nicht mit Sicherheit entziffern. Das in diesen beiden Vermerken erwähnte Jahr 957 (hiǧra) stimmt weitgehend mit dem Jahr 1550 n.Chr. überein (diese Jahresangabe bezieht sich nicht auf die Anfertigung der Rolle). Es ist damit naheliegend, den auf dem Dokument erwähnten Sulṭān Sulaymān mit Sulaymān dem Prächtigen (reg. 1520–1566) zu identifizieren. Diese Zuordnung lässt sich allerdings nicht beweisen, könnte sie sich doch auf einen weiteren Machthaber namens Sulṭān Sulaymān beziehen, der allerdings nur von lokaler Bedeutung gewesen wäre. Das Dokument könnte im Rahmen der Auseinandersetzungen zwischen den Osmanen und Safawiden in der ersten Hälfte des 16. Jh. in osmanischen Besitz gelangt sein. In Frage kommen einerseits die Auseinandersetzungen, die in der Schlacht von Čāldirān (1514) gipfelten, oder anderseits die Konfrontationen zwischen Šāh Ṭahmāsp I. (1524–1576) und Sulṭān Sulaymān, der wiederholt selbst in die Kämpfe eingriff (Einzelheiten in Schutz und Andacht, S. 511–14).
Einband:
Das Dokument wird in einer schmucklosen Blechbüchse aufbewahrt. Vergleichbare Büchsen wurden für Schutzhemden aus dem Osmanischen Reich angefertigt.
Inhaltsangabe:
Zu CB 542 ist ein ähnlich gestaltetes, aber einfacheres Paralleldokument aus der Forschungsbibliothek Gotha bekannt (Ms. orient. A. 1372). Verschiedene Gestaltungselemente auf diesen beiden Rollen legen eine Entstehung in einem iranischen bzw. iranisch geprägten Umfeld nahe. Zu diesen persischen Stilmerkmalen gehören einerseits 16 Quadrate mit der Inschrift al-ʿaẓama li-[A]llāh („die Erhabenheit ist Gottes“) in geometrisierendem Kufi (im ersten Quadrat: Allāh al-ʿaẓama: „Gott ist die Erhabenheit“; f. 1, 4). Ähnlich gestaltete Inschriften finden sich auf aus Backstein errichteten Moscheen und andern Baudenkmälern in Iran und Zentralasien. Sie sind u.a. aus der Timuridenzeit bekannt. Dieser Schrifttyp wird als Bannāʾī-Kūfī oder Maʿqilī-Kūfī (auch Schachbrett-Kufi) bezeichnet. Derartige Inschriften lassen sich z.B. auf der Moschee Mīr Čāqmāq in Yazd (errichtet 1437) und dem Mausoleum des Qāḍī-zāda Rūmī (um 1425) im Šāh-i Zinda-Komplex in Samarkand nachweisen. Sie sind auch von der Masǧid-i Ǧāmiʿ in Aštarǧān bei Isfahan bekannt. Ein gutes Beispiel dafür ist überdies der Grabturm für Šayḫ Ṣafī ud-Dīn im Ṣafawiyya-Schrein in Ardabil.
Auf den beiden Dokumenten aus Genf und Gotha lässt sich anderseits ein feingliedriges, spiralförmiges florales Rankenmuster erkennen, das sich in modifizierter Form in iranischen Kontexten auch anderweitig belegen lässt. Es bildet auf CB 542 den Hintergrund von 29 rechteckigen Kartuschen mit Textstellen (ab f. 5). Eine zusätzliche dreissigste Kartusche am Rollenanfang wurde abweichend gestaltet (f. 2–3). Auf CB 542 sind diese Ranken und die an ihren Spitzen vereinzelt hervorspriessenden lanzettenförmigen Blätter mit goldener Tinte ausgeführt worden. Dieses Grundmuster ist auf allen 29 Kartuschen vorhanden. Auf jeder zweiten Kartusche lockern aus den Ranken herauswachsende kleine mehrlippige Blüten in den Farben Rot, Grün, Hellblau und vereinzelt Braun diesen Hintergrund auf. Sie betonen die Leichtigkeit des Rankenmusters und tragen zu seiner Eleganz bei. Auf der jeweils anschliessenden Kartusche sind Blüten nur spärlich vorhanden und ebenso wie die Ranken ausschliesslich goldig.
Ähnlich gestaltete Rankenmuster kommen auf Bauten in Iran wiederholt vor, wie sich u.a. anhand von Beispielen aus der Timuridenzeit aufzeigen lässt. Es kann auf die Masǧid-i Šāh in Mašhad hingewiesen werden. Sie wurde vermutlich vor 1451 errichtet. In Isfahan verzieren florale Rankenmuster von ähnlicher Feinheit und Eleganz das Nordportal des Darb-i Imām-Schreins. In der Blauen Moschee in Tabriz finden sich vergleichbare Verzierungen. Die Blaue Mosche wurde 1465 von den Turkmenen errichtet. Der blaue Hintergrund und das feine Rankenmuster mit Blüten dieser allfälligen Parallelen könnten auf CB 542 auch in zwei Quadraten mit der Wendung al-ʿaẓama li-[A]llāh am Rollenanfang ein Echo gefunden haben (f. 1, 6). Diese stilistischen Vergleiche legen nahe, dass CB 542 in der 2. Hälfte des 15. Jh., allenfalls am Anfang des 16. Jh. in einem timuridischen bzw. turkmenischen Umfeld entstanden ist. Auf der Rolle selbst finden sich keine expliziten Angaben zu Herkunftsort und Entstehungszeit.
Die soeben angestellten Beobachtungen zielten auf eine erste Situierung des Dokuments in einen iranischen Kontext ab. Die weiteren Ausführungen gehen auf ausgewählte Elemente des Belegstücks ein (Rechtecke, Quadrate, Titelbalken), in die der auf der Rolle enthaltene Text notiert wurde. Sie befassen sich in einem ersten Schritt mit Aufbau und Inhalt der insgesamt 30 rechteckigen Kartuschen auf CB 542. Für eine ausführliche Untersuchung wird verwiesen auf Tobias Nünlist, Schutz und Andacht, Kapitel 5.2.
Auf den beiden Dokumenten aus Genf und Gotha lässt sich anderseits ein feingliedriges, spiralförmiges florales Rankenmuster erkennen, das sich in modifizierter Form in iranischen Kontexten auch anderweitig belegen lässt. Es bildet auf CB 542 den Hintergrund von 29 rechteckigen Kartuschen mit Textstellen (ab f. 5). Eine zusätzliche dreissigste Kartusche am Rollenanfang wurde abweichend gestaltet (f. 2–3). Auf CB 542 sind diese Ranken und die an ihren Spitzen vereinzelt hervorspriessenden lanzettenförmigen Blätter mit goldener Tinte ausgeführt worden. Dieses Grundmuster ist auf allen 29 Kartuschen vorhanden. Auf jeder zweiten Kartusche lockern aus den Ranken herauswachsende kleine mehrlippige Blüten in den Farben Rot, Grün, Hellblau und vereinzelt Braun diesen Hintergrund auf. Sie betonen die Leichtigkeit des Rankenmusters und tragen zu seiner Eleganz bei. Auf der jeweils anschliessenden Kartusche sind Blüten nur spärlich vorhanden und ebenso wie die Ranken ausschliesslich goldig.
Ähnlich gestaltete Rankenmuster kommen auf Bauten in Iran wiederholt vor, wie sich u.a. anhand von Beispielen aus der Timuridenzeit aufzeigen lässt. Es kann auf die Masǧid-i Šāh in Mašhad hingewiesen werden. Sie wurde vermutlich vor 1451 errichtet. In Isfahan verzieren florale Rankenmuster von ähnlicher Feinheit und Eleganz das Nordportal des Darb-i Imām-Schreins. In der Blauen Moschee in Tabriz finden sich vergleichbare Verzierungen. Die Blaue Mosche wurde 1465 von den Turkmenen errichtet. Der blaue Hintergrund und das feine Rankenmuster mit Blüten dieser allfälligen Parallelen könnten auf CB 542 auch in zwei Quadraten mit der Wendung al-ʿaẓama li-[A]llāh am Rollenanfang ein Echo gefunden haben (f. 1, 6). Diese stilistischen Vergleiche legen nahe, dass CB 542 in der 2. Hälfte des 15. Jh., allenfalls am Anfang des 16. Jh. in einem timuridischen bzw. turkmenischen Umfeld entstanden ist. Auf der Rolle selbst finden sich keine expliziten Angaben zu Herkunftsort und Entstehungszeit.
Die soeben angestellten Beobachtungen zielten auf eine erste Situierung des Dokuments in einen iranischen Kontext ab. Die weiteren Ausführungen gehen auf ausgewählte Elemente des Belegstücks ein (Rechtecke, Quadrate, Titelbalken), in die der auf der Rolle enthaltene Text notiert wurde. Sie befassen sich in einem ersten Schritt mit Aufbau und Inhalt der insgesamt 30 rechteckigen Kartuschen auf CB 542. Für eine ausführliche Untersuchung wird verwiesen auf Tobias Nünlist, Schutz und Andacht, Kapitel 5.2.
- Die erste rechteckige Kartusche (bzw. das 1. Rechteck; f. 2–3) ist gegenüber den 29 weiteren Kartuschen abweichend gestaltet. Der Text darin ist in besonders kleiner mikroskopischer Schrift (ġubār) kopiert worden. Er bildet in diesem Rechteck keine übergeordneten Begriffe, wie dies in den folgenden Rechtecken der Fall ist. Im ersten Rechteck lässt sich vielmehr ein spiegelsymmetrisch angeordnetes netzartiges Rankenmuster erkennen, das aus drei grösseren Mandeln und weiteren Figuren gebildet wird. Die Ranken sind mit Blättern und Blüten verziert. In diesem Rechteck lassen sich zwei Einträge in grüner Tinte in grosser Schrift erkennen; es handelt sich um eine Anrufung Gottes yā ḏū [sic] l-ǧalāl bzw. wa-l-ikrām. Im komplex angeordneten Rankenmuster wurden in Ġubār-Schrift Stellen aus Q 3 (Sūrat Āl ʿImrān; Q steht für Qurʾān) notiert. Die Abschrift beginnt oben in der Mitte mit der basmala und steigt gegen links unten ab. Der Schreiber folgt bei der Abschrift der Fortsetzung dieser Ranke und wechselt mehrfach die Seite im Rechteck. Kurz vor der Anrufung Gottes mit Yā ḏū l-ǧalāl (sic), beginnt in dieser Ranke Q 3:4. Die Abschrift von Q 3 liess sich nicht überall mit Sicherheit rekonstruieren. Q 3 dürfte in diesem ersten Rechteck nicht lückenlos kopiert worden sein.
-
Nach diesem abweichend gestalteten Rechteck mit Q 3 folgen 29 weitere Rechtecke. Sie sind ca. 20–25 cm lang und enthalten Textstellen in ungefähr 4 cm hoher Schrift. Es handelt sich um fromme Formeln und ausgewählte Passagen aus dem Koran. Bemerkenswert ist, dass diese Stellen in grosser Schrift ihrerseits aus Auszügen aus dem Koran in mikroskopischer Schrift (ġubār) gebildet werden. Dieses Vorgehen lässt sich auf Belegstücken aus Iran ab dem 16. Jh. häufig beobachten. Diese Ġubār-Schrift ist etwa 1 mm hoch. Die weitere Übersicht illustriert das Vorgehen des Kopisten stellvertretend anhand der Rechtecke 2–3 (f. 5–7) und geht zuerst auf den grossen Text darin ein. Sie befasst sich danach mit dem Inhalt der Stellen in mikroskopischer Schrift:
- a. grosse Schrift: 2. Rechteck (f. 5): بسم الله الرحمن الرحيم und 3. Rechteck (f. 7): هو الله سبحانه تعالى وتقدس. Bei diesem grossen Text handelt es sich um einen Auszug aus Q 4 (an-Nisāʾ). Die Basmala eröffnet nicht nur die Rolle, sondern leitet zugleich Q 4 ein.
- b. Im mikroskopischen Text beginnt Q 4:1 im Buchstaben bāʾ des Ausdrucks bism. Hier lässt sich die Anrufung ayyuhā n-nās erkennen. Am Ende des 2. Rechtecks stehen als grosser Text die Ausdrücke ar-raḥmān ar-raḥīm. Der übergeordnete Text in grosser Schrift wird stets durch Koranstellen in mikroskopischer Schrift gebildet. Dieser Text in winziger Schrift ist oft nicht fortlaufend angeordnet (f. 5–7). Wiederholt lassen sich Bruchstellen erkennen. So kann der Anfang eines Verses in den über dem dazugehörigen Buchstaben angebrachten Diakritika enthalten sein; die Fortsetzung folgt jedoch in einem Vokalisationszeichen, das – wie im Fall des kasras – unterhalb der Buchstaben notiert wird. Der Kopist setzt den Korantext darauf u.U. im Buchstabenkörper (rasm) selbst fort. In den einzelnen Rechtecken wurden bei der Abschrift des Texts in Ġubār immer wieder andere Vorgehensweisen gewählt. Die Entzifferung dieser Stellen wird damit nicht nur durch die mikroskopische Schrift, sondern auch durch die vertrackte Anordnung des Texts erschwert.
-
Um die 30 rechteckigen Kartuschen herum laufen Schriftbänder mit Korantext. Es lassen sich vier Bänder mit Text in Nasḫ in normal grossem Duktus erkennen. Dieses vierteilige Schriftband beginnt bei der ersten rechteckigen Kartusche mit dem Netzmuster, wo unmittelbar übereinander die vier folgenden Suren mit der basmala einsetzen (f. 2–3):
- 1. Rahmen bzw. Band, blaue Tinte: Q 36, Yā-sīn; diese Sure wird wegen ihres apotropäischen Charakters geschätzt.
- 2. Rahmen, goldene Tinte: Q 48, al-Fatḥ.
- 3. Rahmen, grüne Tinte: Q 58, al-Muǧādala.
- 4. Rahmen, rote Tinte: Q 67, al-Mulk.
Q 36 wurde in blauer Tinte im linken Aussenband absteigend kopiert. Die Abschrift dieser Sure endet am Anfang der rechteckigen Kartusche mit dem Text الا بما شاء وسع كرسيه السموات (aus Thronvers, Q 2:255; f. 51). Danach beginnt im blauen Aussenband Q 39 (Sūrat az-Zumar) mit der basmala. Q 39 umfährt unten das Rollenende und steigt auf der gegenüberliegenden Seite im rechten Aussenband wieder nach oben. Ganz am Rollenende steht im blauen Aussenband Q 39:7–8. Der Schreiber erreicht schliesslich wieder den Anfang der Rolle. Am Ende der ersten Kartusche mit der Abschrift von Auszügen aus Q 3 in einem netzartigen Rankenmuster steht im blauen Aussenband zuletzt Q 39:62 (f. 1). Der Schreiber springt darauf in das blaue Aussenband, das das erste Quadrat mit dem auf der Spitze stehenden Viereck im Innern umfährt; hier notiert er im Gegenuhrzeigersinn Q 39:63–65 (f. 2–1). Die Schlussverse von Q 39 (66–75) fehlen auf der Rolle.
Zwischen die auf der Rolle enthaltenen Rechtecke und Quadrate (s. unten) wurden Balken (Höhe ca. 1 cm) eingefügt, die Überschriften zu ausgewählten Suren enthalten (ab f. 3). Es lässt sich unterscheiden zwischen:- a. Titelbalken mit Überschriften in roter Tinte: Sie weisen innen eine goldene Kartusche auf; links und rechts ist der Hintergrund des Balkens blau und mit einem einfachen goldenen Rankenmuster versehen. In den Balken vor den Quadraten mit Text in Schachbrett-Kufi wurden die Surentitel (und Angaben zu Offenbarungsort und Anzahl Verse) auf dem goldenen Hintergrund in roter Farbe notiert.
- b. Die Balken mit Überschriften in grüner Tinte enthalten die Titel der Sure und gegebenenfalls weitere Angaben. Verschiedene dieser in den Titelbalken aufgeführten Suren sind auf der Rolle tatsächlich enthalten. Andere scheinen zu fehlen. Indem der Kopist hier wenigstens ihren Titel erwähnt, hoffte er wohl, sie implizit dennoch in sein Dokument zu integrieren.
Der in den Quadraten enthaltene Text lässt sich bestimmen. Um die Quadrate mit der Inschrift al-ʿaẓama li-[A]llāh (GK) laufen Schriftbänder mit Auszügen aus dem Koran. In den Zellenquadraten (ZQ) selbst lassen sich zwei verschiedene Texte erkennen. Es handelt sich mutmasslich um zwei Gebete (f. 32, 36). Das eine Gebet ist in roter, das andere in schwarzer Tinte kopiert. Die Quadrate 4, 6, 8, 10, 12, 14, 16 (1. Serie) enthalten nahezu ausschliesslich Anrufungen Gottes bei unterschiedlichen seiner Schönen Namen. Sie können gut auch einzeln gelesen werden. Das 4. Quadrat (ZQ) z.B. enthält 4×4 Zellen mit solchen Anrufungen Gottes in rotem und schwarzem Nasḫ. Es handelt sich um 16 Attribute Gottes, die von seinen Schönen Namen bekannt sind. Erst in der 2. Serie lassen sich zwei eigenständige Textfolgen erkennen: Der Text in roter Tinte in ZQ 18 (f. 36), 20, 22, 24 folgt teilweise der Duʿāʾ Idrīs („Idrīs’ Gebet“). Er lässt sich nachweisen bei Makkī, Qūt al-qulūb (http://islamport.com/w/akh/Web/239/99.htm, Stand 9. Februar 2017, nicht aufrufbar am 20. März 2025; ähnlicher Wortlaut des Gebets bei Maǧlisī, Biḥār al-anwār: https://lib.eshia.ir/71860/ 92/168; vgl. auch https://shamela.ws/book/482/123; https://ito.lib.eshia.ir/80251/1/134; Stand 20. März 2025). Später weichen Vorlage und Text auf der Rolle voneinander ab. Auf der Rolle steht:- ZQ 18 (f. 36): سبحانك لا اله [الا] انت يا رب كل شيء ووارثه يا اله [الـ]ـآلهة الرفيع جلاله
- ZQ 20 (f. 40): يا الله المحمود في كل فعاله يا رحمن كل شيء ووارثه يا اله [الـ]ـآلهة الرفيع
- ZQ 22 (f. 44): يا حي حين لا حي في ديمومية ملكه وبقائه يا قيوم ولا يفوت شيء من
- ZQ 24 (f. 48): علمه ولا يؤده يا واحد يا الباقي اول كل شيء وآخره يا دائم
- ZQ 26 (f. 52): ولا فنا ولا زوال مُلْكِهِ وَبَقائه (كذا) يا قيوم ولا يفوت شيء من
- ZQ 28 (f. 56): علمه ولا یؤده یا واحد الباقی اول کل شیء وآخره یا دایم ولا فنا ولا زوال
- ZQ 18 (f. 36): يا منان ذي (كذا) الاحسان قد عم كل خلايق منه يا ديان
- ZQ 20 (f. 40): العباد كل يقوم خاضعا لرهبة ورغبة يا خالق من في
- ZQ 22 (f. 44): السموات والارض كل اليه معاده يا رحيم كل صريخ ومكروب
- ZQ 24 (f. 48): وغياثه ومعاده يا تام فلا تصف الالسنـ[ـة] كنه جلاله وملكه وعزه يا مبدع
- ZQ 26 (f. 52): لم يبغ (؟) في إنشائها عوناً من خلقه يا علام الغيوب ولا يفوت شيء من حفظه يا معيد
- ZQ 28 (f. 56): [ما] أفناه إذا برز الخلائق لدعوته من مخافته يا حميد الفعال ذو (كذا) المن
- Schlussfolgerungen: Diese Ausführungen zeigen, dass der Kopist von CB 542 eine Vielzahl von gestalterischen und textlichen Elementen einsetzte. Neben besonderen Formen (Spiegel, Schutznetz etc.) und der Verwendung von Ġubār-Schrift vertrauten der oder die Hersteller in erster Linie auf die Wirkung der islamischen Offenbarung. Sie griffen aber wiederholt auch auf die Schönen Namen Gottes zurück; sie werden gerade in den Zellenquadraten aufgeführt (z.B. f. 8). Bei der Untersuchung des Dokuments zeigte sich, dass der Korantext darauf nicht vollständig enthalten ist. Die einzelnen Suren brechen gerade in den rechteckigen Kartuschen nach jeweils zwei oder drei Rechtecken einfach ab. Auch scheinen auf diesem Belegstück erstaunlicherweise u.a. Q 1 (al-Fātiḥa) und die beiden Zufluchtssuren (al-Muʾawwiḏatān, Q 113–114) zu fehlen. Auf derartigen Dokumenten in Rollenform lässt sich immer wieder beobachten, dass den Erfordernissen der Form ein höherer Stellenwert zukommt als der getreuen Wiedergabe des Wortlauts des Korans.
Provenienz der Handschrift: Die Rolle CB 542 stammt aus dem Nachlass des bekannten Antiquars Martin Breslauer (1871–1940).
Erwerb der Handschrift:
M. Bodmer erwarb sie am 1. April 1961.
Bibliographie:
- Nünlist, Tobias, Schutz und Andacht im Islam. Dokumente in Rollenform aus dem 14.–19. Jh. Kapitel 5.2, S. 494–519. Leiden 2020. Aufrufbar unter https://brill.com/display/title/57372.
- Nünlist, Tobias, „Entzauberte Amulettrollen. Hinweise zu einer typologischen Gliederung“, Kapitel 8, S. 247–293 (v.a. S. 261–277), in S. Günther et al. (Hg.), Die Geheimnisse der oberen und unteren Welt. Leiden 2019. Aufrufbar unter https://doi.org/10.1163/9789004387577_009.
- Nünlist, Tobias, „Devotion and protection: Four amuletic scrolls from Safavid Persia“, S. 78–101 (v.a. S. 80–86), in Y. Kadoi, Persian Art. Image-making in Eurasia. Edinburgh 2018.
- Nünlist, Tobias, „Magic in Islam“, in Ganz, David et al. (Hg.), Handbook of Medieval Book Ornament. De Gruyter, im Druck (30.09.2025).