Cologny, Fondation Martin Bodmer, Cod. Bodmer 102
Wetzel René, Deutsche Handschriften des Mittelalters in der Bodmeriana, Cologny-Genève 1994, S. 144-146.
Titre du manuscrit: Karl IV., deutscher König: Urkunde
Origine: Hofkanzlei König Karls IV., Frankfurt a. M.
Période: 30. Januar 1354
Support: Pergamentbl., quer
Volume:
1
Format: 16,2 (+ Plica 6,0) x 27,2
Etat: Gut erhaltenes Pergamentbl. mit Plica u. der typischen Faltung der Hofkanzlei Karls Karls IV. (vgl. Linder, S. 6).
Mise en page:
Schriftraum ra-rf: 8,0 x 20,0
Type d'écritures et copistes:
dt. goth. Kanzleikursive (1354)
Ajouts: Auf der Plica, ri, zweiteilige Unterfertigung einer 2. Hand: ad rel[ationem] d[omini] Hanow / H[ei]nr[icus]. Die Schriftspuren am oberen Bl.rand ra/rb beim Falten entstanden (Abdruck von Buchstaben der untersten Zeile). Auf der Rückseite, vb, ein Registraturvermerk: R[egistrata] p[er] Lenh[ardum] [?] (doppeltgestrichenes R). Auf ve Eintrag in flüchtiger brauner Tinte, dt. Kurrentschrift vieil. des 16. Jhs.: Begnadigungsbrieff [sic] / Kunjnc Karol vergont glaitgelt / 1354 [gestrichen] zu nemen an des reichs schuld deren von Naßau / in ihren dörfern / 1354. Die gestrichene Jahreszahl wohl von früherer Hand, ebenso der mehrfach durchgestrichene Vermerk No. 4 [oder 1?] unter dem Eintrag. Wahrsch. von der Hand des Texteintrages darunter: N° 1 (N gestrichen). In der oberen rechten Ecke von ve eine kleine schwarze Zahl 5° oder 59. Nebem dem Texteintrag moderner Vermerk Karl IV! Älter ist hingegegen wiederum der schwartze Tintenvermerk vf B (verblaßt) / 1354. Wahrsch. aus dem 19. Jh. der Eintrag auf vd, in dt. Kurrentschrift: Bewilligungsbrief Kaißer Carl IV. fur die Gräfin Irmengard von Naßau, gebohrne von Hohenlohe, das Geleitgeld in ihren Dörfern pp. an kaißerlichen oder des Reichs Schulden nehmen und abrechnen zu dürfen / 1354. Die Urkunde wird in einer schwarzen Kassette (Stargardt) aufbewahrt. Grünes Titelschild aus Leder mit Goldprägung.
Matériel supplémentaire: Anhängend an einer Perg.pressel der Siegelrest aus gelbem Naturwachs. Noch erkennbar Kopf mit Krone, Ornament u. Teil der Umschrift: X: + : KA. Zweifellos das Königssiegel Karls IV. (Thronsiegel, Diam. 10 cm, mit Reichsadler u. böhm. Löwen als Wappen. Umschrift: + : KAROLVS: DEI: GRACIA: ROMANORVM: REX: SEMPER: AVGVSTVS: ET: BOEMIE: REX:; vgl. Wilhelm Volkert, Die Siegel Karls IV., S. 308-312 u. Abb. 121-126, hier S. 309 f. u. Abb. 123; Posse II, Tafel 1,5 u. V, S. 40, Nr. 4
Langue principale: md. Urkundensprache der Kanzlei Karls IV. mit obd. Elementen
Sommaire:
Karl IV.: Urkunde in seinem Namen: König Karl IV. erlaubt der Gräfin Irmengard von Nassau, in ihren Dörfern, Gerichten und Städten Geleitgeld zu erheben wie vor ihr ihr Vater. Die Einnahmen sollen zur Abzahlung der Schulden verwendet werden, die das Reich an ihr hat.
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[Transkription ]
Wir Karl, von gots gnaden romschir kuͤng, zu allen zijten mer[er] des richs und kuͤng zuͤ Beheym, veriehen und tuͤn kuͤnt offinlich an diesem brife, daz wir der edeln Irmengard, Grefynnen von Nassawͤ, unsir[er] lieb[e]n get[ri]wen und im erb[e]n, von unsir[er] kuͤnglichen gnaden gonnen und erleub[e]n, daz sij in irn dorfern, gerichten und steden, dij sij inne hat, solich geleyt gelt nemen mak, und daz ir vater bij wiln gnomen hat, und sol daz als lange nemen, sij odir ire Erb[e]n, als lange, daz uns[ir] wille ist und biz wir daz sonderlich widerrufen. Waz si odir ire erb[e]n do von gelts ofheben, daz sollen sij nach im gewizzen, bescheydenheyt und rehter rechenunge an ir[er] schult, daz wir odir daz rich schuldig sijn, abslahen. Mit urkunt dises brifes v[er]sigelt, mit uns[ir]m kuͤnglichen insigel geben zuͤ Frankinfurd, an dem donrstag vor unsir frauwen dag licht messe in dem ahten jar unsirs richs, nach Cristsgeburt druzenhundt[ert] jar, dar nach in dem veͤr un[d] funfzegestin jar.
Abdruck des Urkungentextes: Karl Weller u. Christian Belschner (Hg.), Hohenlohisches Urkundenbuch. Im Auftrag des Gesamthauses der Fürsten zu Hohenlohe hg. Bd. 3. 1351-1375. Stuttgart 1912, S. 65, Nr. 50; Teilabdruck u. Abb. im Katalog 587 von J. A. Stargardt, Marburg [1968], S. 10, Nr. 7 (s. o.). Vgl. Regesta imperii, Bd. 8. Die Regesten des Kaiserreichs unter Kaiser Karl IV. 1346-1378. Aus dem Nachlasse Johann Friedrich Böhmers hg. u. erg. v. Alfons Huber. Innsbruck 1877; Alfons Huber, Additatum adj. F. Böhmer, Regesta imperii VIII. Erstes Ergänzungsheft zu den Regestn des Kaiserreichs unter Kaiser Karl IV. 1346-1378. Innsbruck 1889. [Beide ohne unsere Urkunde].
Origine du manuscrit: Geschrieben am 30. Januar 1354 in der Kanzlei König Karls IV. (1314-1378, 1346 dt. König, 1355 Kaiserkrönung), die sich vom 14.-30. 1. dieses Jahres zusammen mit dem König in Frankfurt a. M. aufhielt (vgl. Regesta imperii 8 [s. u.], S. 140 f.). Hnr = Heinricus in der Unterfertigung könnte laut Emil Gutjahr (Zur Enstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache. Studien zur deutschen Rechts- und Sprachgeschichte. Bd. 2. Die Urkunden deutscher Sprache in der Kanzlei Karls IV. Teil 1. Der Kanzleistil Karls IV. [= alles Erschienene]. Leipzig 1906, S. 201) mit dem Notar (Redactor, Notarius dictator) der kgl. u. später kaiserl. Hofkanzlei Heinricus Thesauri (Thesaurarius) identisch sein, der in dieser Funktion (u. ebenfalls als Corrector) in Königs- u. Kaiserurkunden von 1348-1367 auftaucht u. sich am 29. Juni 1367 Magister Pragensis nennt (vgl. Konrad Burdach, Vom Mittelalter zur Reformation. Forschungen zur Geschichte der deutschen Bildung. 1. H. Halle 1893, S. 43). Bei Ludwig Erich Schmitt (Die deutsche Urkunden-Sprache in der Kanzlei Karls IV. [1346-1378] [Mitteldeutsche Studien 11]. Halle 1936, S. 78f.) wird auch seine Herkunft ersichtlich: Heinricus de Thesauri de Nurnberg, oder Heinricus dictus Schatz, schon 1330-1346 notarius König Johanns, 1343-1363 notarius secretarius in Karls Kanzlei, möglicherweise ident. mit Hermannus Thesauri dictus Schacz (seit 1339 notarius König Johanns, von 1363-1367 notarius secretarius Karls IV.; vgl. Regesta imperii 8, S. XLIIf, dagegen Schmitt, S. 78f.). Heinrich gehört somit zur Gruppe der mainischen Schreiber in der Kanzlei Karls IV. (Schmitt, S. 78-80 u. Karte nach S. XIV). Die Identität des Registrators läBt sich nicht mit letzter Sicherheit ermitteln. Der Registraturvermerk ist aber zweifellos durch die Hofkanzlei u. nicht durch die Empfängerseite erfolgt. Wahrsch. verbirgt sich hinter dem Kürzel Lenh. der kgl. Registrator Leonhardus, der sich in Urkunden aus der Zeit zw. September 1353 u. März 1354 nachweisen läBt (vgl. Lindner, S. 19). Als (indirekter) Urheber der Urkunde erscheint in der Unterfertigung ein dominus Hanow. Es dürfte sich dabei um Ulrich III. von Hanau (gest. 1370), seit 1349 Karls einfluBreicher Vogt in der Wetterau, handeln. Als Karl am 28. Januar 1354 in Frankfurt mit dem Mainzer Erzbischof Gerlach von Nassau, den Grafen Adolf u. Johann von Nassau, Gottfried von Ziegenhain u. Eberhard von Wertheim, sowie den Städten Frankfurt, Friedberg, Wetzlar u. Gelnhausen einen Landfrieden schloß, setzte er Ulrich von Hanau als Obmann des Landfriedens ein. Wie die von Hohenlohe (s. u.) sind auch die Herren von Hanau zu den Familien königsnaher u. -treuer Landschaften unter Karl IV. zu zählen. Adressatin der Urkunde ist Irmengard, Gräfin von Nassau (gest. 1371), Tochter Krafts II. von Hohenlohe-Weikersheim (gest. 1344), 2. Gemahlin Graf Gerlachs I. von Nassau (Walramsche Linie, gest. 1361), der 1344 auf die Regierung verzichtete. Im Rahmen von Karls Reichspfandpolitik hatte auch Kraft II. 1347 eine Reichspfanschaft im Wert von 15 000 Gulden für die wetterauischen Reichstädte Friedberg u. Gelnhausen erworben (vgl. MGH Const. 8, Nr. 319-320). Das Geleitgeld, das seine Tochter Irmengard u. ihre Erben gemäß unserer Urkunde erheben dürfen (bzw. weiterhin erheben dürfen. Das Recht hatte ja laut Urkundentext bereits Kraft II.), gilt offensichtlich der Abzahlung dieser Reichsschuld.
Provenance du manuscrit: Die Urkunde blieb in der Folge im Besitz der Herren u. späteren Grafen u. Fürsten von Hohenlohe u. lag auch noch in unserem Jh. im Archiv von Schloß Waldenburg (Fürsten zu Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst, Zweig Waldenburg), vgl. das Hohenlohische Urkundenbuch von 1912 (Bd. III, Nr. 50).
Acquisition du manuscrit:
Martin Bodmer erwarb sie im April 1969 zusammen mit dem Cod. Bodmer 153 bei J. A. Stargardt, Marburg (Kat. 587, Nr. 7), wohin sie im Juli 1968 aus Privatbesitz gelangt war (frdl. Auskunft L. Mecklenburg).
Bibliographie:
- Historische Autographen & Urkunden. 12.-16. Jahrhundert. Lagerkatalog, Nr. 587 der Gesamtfolge. J. A. Stargart. Marburg [1968], S. 10, Nr. 7.