Für diese Handschrift sind folgende Beschreibungen vorhanden

  • Lenz Philipp / Ortelli Stefania, Die Handschriften der Stiftsbibliothek St. Gallen, Bd. 3: Abt.V: Codices 670-749: Iuridica; Kanonisches, römisches und germanisches Recht, Wiesbaden, 2014, S. 251-253.
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  • Scherrer Gustav, Verzeichniss der Handschriften der Stiftsbibliothek von St. Gallen, Halle 1875, S. 236-238.
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St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 730
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Lenz Philipp / Ortelli Stefania, Die Handschriften der Stiftsbibliothek St. Gallen, Bd. 3: Abt. V: Codices 670-749: Iuridica; Kanonisches, römisches und germanisches Recht, Wiesbaden 2014, S. 251-253.

Handschriftentitel: Edictum Rothari
Entstehungsort: Norditalien
Entstehungszeit: 2. Hälfte 7. Jh.
Beschreibstoff: Pergament
Umfang: A-D + 74 Seiten
Format: 20,5–21 × 14
Seitennummerierung: Paginierung I.v.A. mit vielen Ergänzungen, besonders durch Alban Dold: 1–26, 26a, 26b, 27–28, 28a–28d, 29–30, 30a–30f, 31–32, 32a–32d, 33–34, 34a–34h, 35–62, 62a–62j, 63–72.
Lagenstruktur: 3 III30 + (I+1)30f + II34 + I34d + 2 IV62 + 2 I62h + III72; p. 30e/f ist ein Einzelblatt, p. 58, 30a30d, 32a32d, 34ad, 62e62h sind durch Ergänzung neuen Pergaments am Falz zu Doppelblättern zusammengefügte Fragmente.
Zustand: Die Hs. ist eine Fragmentensammlung und zählt 53 Blätter, wovon viele aus mehreren Bruchstücken zusammengesetzt, durch neues Pergament ergänzt oder (z. B. bis auf einen kleinen Streifen am Falz von p. 62i/62j) unvollständig sind, p. 62a62h beschädigt durch Mikroorganismen/Insekten, p. 62a/b ein Riss schon früh mit weissem Faden vernäht, viele Risse in jüngerer Zeit mit grünem Faden vernäht; zahlreiche Seiten teilweise oder vollständig (besonders p. 34e, 3537, 4062, 6372) durch den Stiftsbibliothekar Josef Anton Henne (1855–1861) mit Reagenzien behandelt und deshalb blau verfärbt und mancherorts nur eingeschränkt (z. B. p. 47) lesbar.
Seiteneinrichtung: Schriftraum einspaltig, 15,5–16 × 10–11, meist 20, manchmal 18, 19 oder 21 Zeilen (vgl. Rhee, Umfang, S. 552 mit Anm. 11), Blindlinierung bei gut erhaltenen Doppelblättern (z. B. p. 3740, 5356, 62a62e, 6568) noch sichtbar, ebenso manchmal Zirkellöcher bei der Schriftraumbegrenzung (z. B. 62a/62b, 53/54).
Schrift und Hände: Die Hs. in einer Unziale der 2. Hälfte des 7. Jh., gelegentlich mit N-p und N-t Ligaturen, wahrscheinlich von einer Hand, in brauner und dunkelbrauner Tinte geschrieben.
Buchschmuck: zu Beginn der Überschrift bzw. des Textes eines Kapitels 3–5-zeilige Initialen, oft zoomorphe Figureninitialen aus Fischen (z. B. p. 3), verschiedenartigen Vögeln (z. B. p. 4, 30f), Drachenköpfen (z. B. p. 20) und einem Seepferdchen (p. 1), manchmal mit ornamentalen Schäften oder Doppelschäften aus Zopfgeflecht (z. B. 13, 18, 28, 54, 55), gelb, rot und grün, bisweilen auslaufend in Ranken (z. B. p. 53, 63), die Überschriften bzw. der Textbeginn orangefarbig/rot.
Spätere Ergänzungen:
  • p. 36, 41, 52 und 57 deutsche und lateinische, längsseits quer zum Text verlaufende Einträge aus dem 15. Jh. aus der Zeit der Sekundärverwertung der Fragmente in verschiedenen Einbänden;
  • p. 19 Eintrag von Pius Kolb: Libri VI Commentariorum in Topica Ciceronis. Authore Boëtio, als das Fragment noch in Cod. Sang. 854 eingebunden war;
  • p. 1 Inhaltsangabe und Vermerk zur damaligen vorhandenen Edition von Ildefons von Arx;
  • jüngere Kapitelzählung in schwarzer Tinte; auf vielen kleinen Fragmenten Fundortvermerke von Alban Dold.
Einband:
  • Einband komplett restauriert im Jahr 2008 (Strebel: »Konservierungseinband nach Espinoza«). Leder (Ziege, Alaungerbung) auf Holz (Buche). 2 Hakenverschlüsse (Adler BV.3.1.1) mit Fensterlager am Vorderdeckelrand, Haken, Lederriemen und aufgenageltem Gegenblech am Rand des Hinterdeckels. Davor ein Einband aus dem Jahr 1972 (Rietmann). Der Codex enthält die von Ildefons von Arx und Johann Nepomuk Hauntinger um die Wende vom 18. zum 19. Jh. gesammelten, dann hauptsächlich von Paul Lehmann, Alban Dold und Bernhard Bischoff im 20. Jh. durch Neufunde ergänzten Fragmente aus Handschriften der Stiftsbibliothek (nachweislich aus Cod. Sang. 39, 52, 86, 111, 155, 159, 165, 230, 248, 339, 365, 367, 390, 424, 427, 435, 454, 573, 577, 579, 671, 795, 854). Weitere dazugehörige Fragmente befinden sich in Karlsruhe, Badische LB, Fragment 144 (aus Cod. Aug. 128) und Fragment 100 (aus Cod. Aug. 244), Zürich, Staatsarchiv, W I 3.19, Nr. XV, 1–3 (f. 31a–31f) und Zürich, ZB, Ms. C 184, Nr. IV, VI–XI + Z XIV 1 (aus Ms. C 10i und Ms. C 68).
  • Vorderes Spiegelblatt (vor p. A), 2 Vorsatzblätter (p. AD), 1 Nachsatzblatt (p. 73/74) und hinteres Spiegelblatt (nach p. 74) aus Papier des beginnenden 19. Jh., davon sind p. C mit dem Titel Veterum fragmentorum manuscriptis codicibus detractorum collectio. Tomus III. und p. D mit einer ins Jahr 1822 datierten Widmung des Ildefons von Arx an Johann Nepomuk Hauntinger bedruckt, p. 73 enthält Notizen von Ildefons von Arx zu den Fragmenten, ihren Fundorten und ihrer Herauslösung sowie einen Bleistiftvermerk von Elias A. Lowe.
Inhaltsangabe:
  • 1-72 Edictum Rothari
    • (1-72) //Si quis hominum …–… reliquas quae similes sunt// bricht ab.
      Inhalt: (12) c. 1–7, (310) c. 12–31, (1116) c. 36–52, (1720) c. 63–78, (21 26b) c. 85–117 [Blattstück mit c. 118 fehlt], 119–125?, (2728b) 130–142, (28c30) c. 144–150, (30a30b) c. 162–164, (30c62) c. 170–218 [c. 219 wurde in dieser Hs. nie geschrieben], c. 220–232, (62e62f) c. 271–273, (62g 62h) c. 307–311, (62i72) c. ? –359, c. 360–371. Die angegebenen Kapitel sind unterschiedlich vollständig bzw. fragmentarisch – bis hin zu nur einigen Buchstaben oder Ziffern der Kapitelzählung – überliefert. Zur abweichenden Kapitelzählung in der Hs. siehe die Edition sowie Löfstedt, S. 3–4.
    CPL 1808. Ed. MGH LL 4, S. 13–86 mit dieser Hs. (= 1), zur Hs. siehe S. XII–XVI; für Neufunde siehe Ed. Alban Dold, Zum Langobardengesetz. Neue Bruchstücke der ältesten Handschrift des Edictus Rothari, in: DA 4 (1940), S. 1-52 und Ed. Florus van der Rhee, Zum Langobardengesetz, in: DA 24 (1968), S. 224–227. Vgl. Claudio Azzara, Stefano Gasparri, Le leggi dei Longobardi. Storia, memoria e diritto di un popolo germanico (Alto- medioevo 4), 2. Aufl., Rom 2005. Zur Sprache: Bengt Löfstedt, Studien über die Sprache der Langobardischen Gesetze (= Acta Universitatis Upsaliensis 1), Stockholm 1970; Florus van der Rhee, Die germanischen Wörter in den langobardischen Gesetzen, Rotterdam 1970; Florus van der Rhee, Iren und Langobarden. Paläographischer und orthographischer Einfluss der Iren auf den Codex Sangallensis 730, in: Atti del 6° Congresso internazionale di studi sull’alto medioevo, Spoleto 1980, S. 709–716; Klaus Siewert, Zu den Leges Langobardorum. Studien zur Überlieferung und zum volkssprachigen Wortschatz. Fragment Münster. Universitäts- und Landesbibliothek (= Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Phil.-hist. Kl. 6), Göttingen 1993.
Entstehung der Handschrift: In Norditalien – möglicherweise im Kloster Bobbio (Dold, Tosi, Fioretti) oder am Königshof in Pavia (Bischoff, Euw) – entstanden. Vielleicht entspricht dieser Hs. im Katalog des Klosters Reichenau von ca. 821/822 der Eintrag Item Lex Langobardorum in codice I (Ed. MBK 1, S. 248, Z. 1–2) oder weniger wahrscheinlich im Verzeichnis der vom Reichenauer Bibliothekar Reginbert erworbenen Hss. 835–842 der Eintrag In XIX. libello habetur lex Longobardorum et passio Servuli quod emi VIII denariis (Ed. MBK 1, S. 260, Z. 19–20). Zu bedenken wäre eine Vermittlerfunktion Waldos, der nach seiner Resignation als Abt von St. Gallen (782–784) und vor seinem Wirken als Mönch und Abt auf der Reichenau als Verweser des Bistums Pavia und Erzieher des jungen Langobardenkönigs Pippin in Pavia tätig war.
Erwerb der Handschrift: Den frühesten sicheren Nachweis der Hs. im Kloster St. Gallen liefern die zahlreichen um 1460 hergestellten Einbände (vgl. Szirmai, Repair and Rebinding: »Typ A«; Gamper/Lenz/Nievergelt et al., Vetus Latina-Fragmente, S. 61–68), aus denen die Fragmente herausgelöst wurden. Auch die heute anderswo aufbewahrten Fragmente stammen mindestens teilweise nachweislich aus St. Galler Einbänden, sodass die Makulierung der Hs. spätestens um 1460 in der Gallusabtei stattfand.
Zur Forschungsgeschichte:
  • Pertz, Italiänische Reise, S. 226–229;
  • Wegelin, Nöthige Bemerkungen, S. 481–483;
  • Schmuki, Beschäftigung mit juristischen Handschriften, S. 427, 439.
Zum Wirken Josef Anton Hennes:
  • Protokolle der Bibliothekskommission, Bd. 2, S. 129, 196–197, 209–215 sowie Bibliothekskorrespondenz 1862–1863 (Gutachten von Herrn Anschütz, Halle, über »Henne’s Pfuscherei«), St. Gallen, Stiftsbibliothek;
  • vgl. Franz X. Bischof, »Henne, Josef Anton«, in: HLS 6, S. 279–280.
Zur Schrift und zum Buchschmuck:
  • CLA 7, Nr. 949;
  • Alban Dold, Zur ältesten Handschrift des Edictus Rothari. Urfassung des Langobardengesetzes. Zeit und Ort ihrer Entstehung, Stuttgart, Köln 1955, S. 1–26;
  • Bernhard Bischoff, Scriptoria e manoscritti mediatori di civiltà dal sesto secolo alla riforma di Carlo Magno, in: Ders., Mittelalterliche Studien 2, S. 312–327, hier S. 320;
  • Michele Tosi, L’Edictus Rothari nei manoscritti Bobiensi, in: Archivium Bobiense 4 (1982), S. 11–71;
  • Paolo Fioretti, Litterae notabiliores e scritture distintive in manoscritti »bobbiesi« dei secoli VII e VIII, in: Segno e testo 3 (2005), S. 157–248, hier S. 226–233, 239;
  • Euw, Zur künstlerischen Ausstattung, S. 70–81.
Zu den Fragmenten und zur Kodikologie:
  • Paul Lehmann, Funde und Fragmente, Leipzig 1933, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen 50 (1933), S. 50–76;
  • Alban Dold, Zum Langobardengesetz. Neue Bruchstücke der ältesten Handschrift des Edictus Rothari, in: DA 4 (1940), S. 1–52;
  • Florus van der Rhee, Über Umfang und Aufbau des Codex Sangallensis 730 (Edictum Rothari), in: DA 29 (1973), S. 551–558.
Zu Waldo:
  • Emmanuel Munding, Abt-Bischof Waldo (= Texte und Arbeiten 10–11), Beuron 1924, besonders S. 28 mit Anm. 21, S. 33;
  • Konrad Beyerle, Die Kultur der Abtei Reichenau, Bd. 1, München 1925, besonders S. 65.
  • Strebel, Restaurierungsprotokoll Nr. 150/2008.