Fribourg/Freiburg, Couvent des Cordeliers/Franziskanerkloster, Ms. 5

Führer Dörthe/ Mangold Mikkel, Katalog der mittelalterlichen Handschriften des Franziskanerklosters Freiburg, Basel, 2023, S. 66–68.

Mit freundlicher Genehmigung des Verlags (Schwabe Verlag, Basel, Berlin). Das Copyright an der Handschriftenbeschreibung liegt beim Verlag.
Handschriftentitel: Decretum Gratiani
Entstehungsort: Bologna (?)
Entstehungszeit: vor 1245 (?)
Beschreibstoff: Pergament
Umfang: 235 Blätter
Format: 40 × 24,5–25 cm
Seitennummerierung: Alte Foliierung, 15. Jh.: 45 (1v) – 174 (130v). 176 (131v) – 279 (234v). Neuere Foliierung 1–235.
Lagenstruktur: ([V-4]+4)6 + 7 V76 + 2 IV92 + 3 V122 + (V-1)131 + 10 V231 + ([II+1]-1)235, zu Beginn fehlen vier Quinternionen sowie die ersten vier Blätter der ersten erhaltenen Lage (vgl. Lagenzählung und alte Foliierung), sie wurden bei der Restaurierung durch Papierblätter ersetzt, an denen die ehemals losen verbliebenen Einzelblätter mit Japanpapier befestigt sind; nach Bl. 130 ein Blatt herausgeschnitten, vor Bl. 235 eines herausgerissen (jeweils mit Textverlust); Bl. 232 Einzelblatt, mit einem Pergamentfalz an Bl. 235 geklebt. Reklamanten und mehrere Zählungen der Lagen bzw. Lagensignaturen, 13. Jh.: VIus (7r) – VIIIus (27r) bzw. vii (17r) – xv (93r). III S (47r) – IIII S (57r). I T (93r und 102v). IIII 4a p[ars] (192r und 201v) – VIII ult[ima] p[ars] (232r).
Zustand: Von den unteren Rändern der Blätter 151, 217 und 233f. wurden grosse Stücke weggeschnitten, Schnitte bis in die benachbarten Blätter durchgedrückt, ein grosses Randstück von Bl. 235 ehemals fast lose. An vielen Blättern vom Rand ausgehende Risse, Pergament z. T. durch Rasur beschädigt. Alle Beschädigungen, die weiter hätten ausreissen können, bei der Restaurierung mit Japanpapier geflickt. Die Tinte ist stellenweise abgerieben, z. B. 1r, 3r, 41r; 151vb nachgeschrieben.
Seiteneinrichtung: Blindliniierung, vertikale Begrenzung der Text- und Kommentarspalten durch jeweils drei parallele Linien, Punktierung meist erhalten; Schriftraum für den Text 25–26 × 13,5–14, zweispaltig (6,5), 58 Zeilen; Spalten für den Rahmenkommentar 3 bzw. 4,5–5,5
Schrift und Hände: Gerundete Textualis wohl von einer Hand (evtl. Handwechsel 56ra).
Buchschmuck:
  • Rubriziert, rote Überschriften, abwechselnd rote und blaue Paragraphenzeichen. Einzeilige rote und blaue Lombarden im Text; zu Beginn der Capitula 2–3zeilige rote und blaue Lombarden mit Konturbegleitstrichen in der jeweils anderen Farbe, neben die Textspalte ausgerückt; Beginn jeder neuen Causa in 5–6zeiligen, abwechselnd roten und blauen Unzialbuchstaben, jeweils zu zwei Zeilen angeordnet und auf beiden Seiten von blauen Fleuronnéstäben gerahmt, daneben Platz für Initialen ausgespart (z. T. mit Platzhaltern), nicht ausgeführt. 93ra Fleuronnéstab in Rot und Blau zwischen den Spalten bis auf den unteren Seitenrand geführt, wo er in zwei Vogelköpfe und eine Profilskizze übergeht, von denen jeweils strahlenförmig weitere Fleuronnéverzierungen ausgehen; ähnlich, aber weniger elaboriert auch an weiteren Stellen, z. B. 25v (radiert), 29ra.
  • 212r Arbor consanguinitatis, teilweise radiert.
  • Kopftitel in abwechselnd roten und blauen Unzialbuchstaben, am Rand ebensolche Zählung der Distinktionen bzw. der Quaestionen. Im Text und häufig auch am Rand Verweiszeichen für einen fast vollständig radierten, von zwei verschiedenen Händen (vgl. 158v, zwei Scholien am oberen Seitenrand) annähernd gleichzeitig mit dem Haupttext (vor dem Rubrizieren) geschriebenen Rahmenkommentar (vgl. Korrekturen und Nachträge), auf 235va endend mit Deo gratias.
Spätere Ergänzungen:
  • Wenige Korrekturen von der Hand des Schreibers, z. B. 2ra, 55va, 112ra, 166vb, 208rb.
  • Öfters Korrekturen von verschiedenen anderen Händen des 13. bis 14. Jhs., z. B. 1ra, 17rb (rubriziert, Schreiber des ersten Kommentars), 54rb, 114ra, 207rb.
  • Ein erster Rahmenkommentar (siehe Einrichtung und Ausstattung) wurde fast vollständig radiert (Reste z. B. 158v, 172va–b und 235va), häufig sind dazu Notazeichen, vereinzelt auch Anmerkungen von der Hand der beiden Kommentarschreiber selbst erhalten, z. B. 49va, 79va, 100rb. Von einer Hand des 14. Jhs. stammt der durchgehende sekundäre Rahmenkommentar, der mit (auch im Haupttext) unterstrichenen Lemmata operiert (siehe Inhalt).
  • Interlinearglossen von verschiedenen Händen des 13. und 14. Jhs., z. B. 1ra, 54vb, 109vb, 166ra, 212va, darunter auch die Schreiber der beiden Kommentarschichten.
  • Auf den Seitenrändern vereinzelt Merkverse, z. B. 111v Patronum faciunt dos, edificatio, fundus. Patrono debetur honor, pondus, utilitas, 213r Nil fieri stulte credit qui peccat inulte; 235va–vb im Anschluss an den Text zahlreiche weitere Merkverse von einer Hand des 13. Jhs. (siehe Inhalt).
  • Wohl nachträglich wurden auch mehrere Federzeichnungen eingefügt: Am unteren Rand von 54v rechts Profilskizze eines Königs, links den Kopf zu ihm zurückwendend ein teilweise abgewaschenes Fabelwesen, von ihren Mündern gehen strahlenförmige Ornamente mit vegetabilen und stark ornamentierten kreuzförmigen Enden aus; 55r Mönch mit Flagellum (?), von seinem Mund geht ebenfalls ein stark ornamentiertes Kreuz aus; alles in Schwarz und Rot. 92v Federzeichnung in brauner Tinte: ein sitzender Wassermann.
Einband:
  • Mit braunem Leder überzogene Holzdeckel, 15. Jh. (?), Kanten abgeschrägt, Streicheisenlinien. Ehemals Catenatus, in der Mitte der oberen Kante des Vorderdeckels Loch und Abdruck einer Kettenklammer. Ehemals zwei nach hinten greifende Langriemenschliessen, Reste der Lederriemen im Vorderdeckel erhalten, oben mit drei eisernen Nägeln befestigt; im Rückdeckel Löcher der beiden Dorne. Rücken ehemals am Kopf lose, am Schwanz beschädigt, bei der Restaurierung mit Papier verstärkt und retuschiert. Die Bünde sind am vorderen Gelenk gebrochen, Heftung und Rückenhinterklebung liegen frei: sechs Pergamentfragmente einer Donat-Handschrift des 14. Jhs. in auffallend grosser Textualis. Kapitale mit ungefärbtem Garn umwickelt.
  • Im vorderen Spiegel Abklatsch einer lateinischen Freiburger Urkunde des 15. Jhs., Spiegelblatt hinten Fragment einer weiteren, ebensolchen Urkunde, abgelöst, Rand um die letzte Lage gebunden.
  • Auf dem Rücken oben Titelschild: Concordia discordantium canonum, Papier, 16./17. Jh., unten Reste eines weiteren Schilds. Auf dem Rücken Titelschild: [C]oncordia discordancium canonum, Papier, 15. Jh.
  • 2022 restauriert von Carole Jeanneret (Dokumentation: ACCFribourg, Bibliothek R3).
Inhaltsangabe:
  • 1ra235va Decretum Gratiani cum Glossa ordinaria Bartholomaei Brixiensis. Rahmenkommentar auf Rasur, siehe Korrekturen und Nachträge. Beginn unvollständig, setzt ein mit D. 56 c. 12: //[dispen]satione ecclesie introductum videtur, et quod ex dispensatione introductum, ad consequentiam regule trahi non potest 8rb leer (kein Textverlust), 130vb quam super nonaginta noven [sic] iustis // (C. 23 q. 4 c. 15). Danach ein Bl. verloren. 131ra // est nequid. Sed hec minime secum illam simplicem trahit (C. 23 q. 4 c. 23) 234vb sed ex fastidio et negligentia probantur hec facere (D. 5 c. 15 de cons.). Anschliessend abweichend von Friedbergs Edition: Romani vero diverso modo agere ceperunt, maxime a tempore quo Teutonicis concessum est regnum nostre ecclesie. Nos //. Danach ein Bl. verloren. 135ra //gemmis vel surculis, ut parvo post tempore laboris tui dulcia poma decerpas (D. 5 c. 33 de cons.) …–… Non potest filius a se facere quicquam, nisi quod videat patrem facientem. Friedberg, Corpus iuris canonici, Bd. 1, Sp. 223–904, 908–1416, 1421–1424. Palae vom vorhergehenden Text bzw. voneinander meist nicht abgesetzt, siehe z. B. 17rb18va (D. 88 c. 11–13). Entsprechend wurde auch 8va die Palea D. 73 nicht am Seitenrand gezählt, die Zählung der Distinktionen ist bis D. 77 um eins versetzt. Rahmenkommentar: Glossa ordinaria in der Bearbeitung des Bartholomaeus Brixensis, vgl. GW 11382c, g iiir – [A vii]v, B [i]r – [Q vi]r, [Q vii]r–v.
  • 235va–vb Versus memoriales. Nachtrag. Quatuor in his verbis virtutem collige legis …–… Consule, mense die coram pretore professus Te deferre reum, crimen, loca pone, sodalem. Si licet hora, dies, non mensis pretereatur. 104 Verse, darunter Walther, Carmina 17270, 13896, 5520, 3113, 11999, 1508, 16778, 17864 und 16687. Anschliessend wohl von anderer Hand: Tempus promotionis mee in nomine domini fuit in nativitate domini anni eiusdem mo cco lxo sexto, viginti septem annorum existens annte [sic] promotionem sacerdocii.
Entstehung der Handschrift: 235v am unteren Seitenrand Monogramm und eine stellenweise stark abgeriebene Notiz zur Verpfändung wohl dieser Hs. im Jahr 1245: Decretum domini obligant condendum pro xl librarum Bononiensium Millesimo ducentesimo quadragesimo quinto, indictione tertia. Die Hs. dürfte in Bologna entstanden sein.
Provenienz der Handschrift: Wohl schon im 15. Jahrhundert in Freiburg, vgl. Einbandfragmente (Spiegel).
Erwerb der Handschrift: Im handschriftlichen Katalog von 1849 (KUB L 557) auf S. 301 verzeichnet.
Bibliographie:
  • Bruckner, Scriptoria 11, S. 85 mit Anm. 8.